Kurz.ge.schich.te No° 44 {Fluch(t) von Social Media}

by - Juni 02, 2021

Bis vor kurzem habe ich für den kreativen Austausch neben oder anstelle des Blogs oft Instagram genutzt. Viele Lieblingsblogs haben die letzten Jahre geschlossen und sind ebenfalls zu Instagram umgezogen. Mit meinem Label BiOeko habe ich stark von der Vernetzung profitiert. Reiseziele, Kreatives, Rezepte, sympathische Menschen, Inspirationen, Nachhaltigkeit und vieles mehr durfte ich dank diesem Kanal entdecken und kennen lernen. Ich habe mit Freude meine Bilder geteilt und mich ausgetauscht. Dann kam die Krise. Das vergangene Jahr hat den Konsum von Social Media kräftig beschleunigt. Die App-Betreiber haben das Werbepotenzial von Social Media längst erkannt. Unsere Nutzerdaten werden gezielt dafür eingesetzt, um Anzeigen in den App's übergreifend erscheinen zu lassen. 

Zappt man heute durch Instagram, blinkt unter jedem vierten Beitrag "gesponsert". Was gleich viel bedeutet wie Werbung. Denn all die gesponserten Beiträge werden von jenen Seiten bezahlt, welche angezeigt werden. Die App streut Anzeigen gezielt nach unseren Interessen. Wir brauchen diese nicht zu erfassen. Die App errechnet sie anhand unserer Nutzung. Sucht man bei Google irgend etwas, erscheinen bei Facebook und Insta wie von Zauberhand die entsprechenden Produkte. Um noch einfacher mit Kunden zu kommunizieren, fragt Facebook tausendfach darum, das Profil mit Whatts-app zu verbinden. Will man Facebook löschen, klickt man sich zuerst durch zig Seiten, bis man den entsprechenden Button endlich findet. Meldet man sich bei einer dieser Apps ab und löscht sie auf dem Handy, erreichen einem wöchentlich E-Mail Erinnerungen, dass man dies und das verpasst hat. Lange Rede, kurzer Sinn: Mich stimmt diese Vernetzung ziemlich nachdenklich. Nicht erst heute, schon länger. Eine umfassende Überdenkung meines Konsumverhaltens mit Social Media schaffte aber ein Elternabend, bei dem es um die Begleitung der Kinder in der digitalen Welt ging. 



Fluch(t) von Social Media

Mitte Mai wurden wir nach über einem Jahr wieder einmal eingeladen, "live" an einem Elternabend teilzunehmen. Kein Zoom-Treffen vor dem PC, sondern ein Vortrag in der Aula. Mit Maske und Abstand versteht sich. Der Anlass wurde mit Schutzkonzept vom Gesundheitsamt des Kantons bewilligt. Ich liess mein Handy bewusst zu Hause. Mein Mann war bei den Kindern. Notfälle würden also ausbleiben. Ich freute mich darauf, andere Eltern wieder einmal real zu treffen. 

Ich radelte zum Schulhaus, begab mich zur Aula und setzte mich in den hinteren Reihen auf einen freien Stuhl. Es herrschte gespenstische Ruhe. Vor der Pandemie wurde vor solchen Anlassen eifrig diskutiert und geplaudert. Nichts so an diesem Abend. Alle sassen stumm auf ihren Stühlen und warteten auf den Beginn des Vortrages. Einwegmasken so weit das Auge reichte. Auf der Leinwand über der Bühne lass ich den Text, der uns freundlich einlud, dass Handy für Online-Abstimmungen bereit zu halten. Hmmmm... damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Ich konnte mich auch nicht erinnern, dass in der Einladung darum gebeten wurde, das Handy mitzunehmen. Egal, ich hatte einen Stift und ein Notizbuch dabei, um Wichtiges zu notieren. Kurz nach Beginn wurden wir darum gebeten, uns auf der Plattform des Referenten einzuloggen. Alle, ausser ich, tippten ihre Daten in die Handys. Ich fühlte mich aussen vor. Hatte das Gefühl nicht dabei zu sein, aber doch nicht den Mumm aufzustehen und mich zu "outen".  Also beschloss ich es einfach auf mich zukommen zu lassen. Alle andern sassen vornüber gebeugt, mit Blick aufs Display. Dann startete der Vortrag über Handyzeit, Gefahren und Herausforderungen im Umgang mit Bildschirmzeit, Games und Social Media bei Kindern. Es gab Fallbeispiele, zu denen man via Handy seine Meinung und Ideen kundtun konnte. Ich beobachtete, wie die anderen Teilnehmer ihre Antworten in die Smartphones tippten. Die Texte erschienen umgehend auf der Leinwand. Gesprochen wurde nicht. Nur vom Referenten. Der Austausch fand über die Leinwand statt. Die Live Durchführung fand zwar als physisches Treffen, aber im digitalen Kontext statt. Je länger ich zuhörte UND zuschaute, desto nachdenklicher stimmte mich der ganze Abend. Ist das jetzt unsere Zukunft, dass wir uns treffen, aber digital kommunizieren? Ich erinnerte mich dabei an ein Zoom-Treffen in einer Schreibgruppe. An die angeregte Diskussion, an die Gesichter der anderen Teilnehmer auf dem Bildschirm. Hier, bei diesem Vortrag sah ich lediglich Menschen mit Masken, die entweder lauschten oder tippten. Konnte es sein, dass ich mich den Menschen damals beim Online-Zoom-Treffen näher gefühlt habe, obwohl sie im Deutschsprachigen Raum verteilt waren und die Referentin von Österreich aus mit uns sprach?

Der Vortrag dauerte rund eine Stunde. Wir bekamen Anregungen bezüglich altersgerechter Bildschirmzeit, Schutzmassnahmen und Risiken. Wir wurden darauf hingewiesen, dass eine optimale Begleitung stattfinden kann, wenn wir wissen, WO unsere Kinder in der digitalen Welt unterwegs sind und WARUM sie dort hinwollen. Abschliessend die wohl hilfreichste Anregung: die Vorbildfunktion.

Noch bevor der Abend zu Ende ging, fing es in meinem Kopf an zu rattern. Stimmen der Kinder hallten durch mein Hirn: "Mami, du hängst dauernd am Handy!" Unweigerlich keimte bei mir die Frage auf, wo ICH denn online unterwegs bin und warum überhaupt? Je länger ich darüber nachdachte, desto sonderbarer fühlte sich die Benützung von Facebook und Instagram an. Warum bin ich dort? Macht es mich glücklich, wenn ich weiss, wo meine Freunde gerade unterwegs sind oder was deren Katze gemacht hat? Macht es meine "Freunde" glücklich, wenn sie Dinge von mir wissen? Und wer von meinen echten Freunden ist überhaupt in diesen App's unterwegs?

Es gab nur eine Möglichkeit das herauszufinden. Die Löschung der Apps. 

Seither habe ich 5 Wochen ohne Facebook verbracht und zwei Mal kurz Instagram besucht. Die ersten Tage waren sonderbar. Ohne scrollen. Ohne schnell schauen was es Neues gibt. Aber schon nach wenigen Tagen war der Impuls vorbei. Ich holte nach langem wieder die Nähmaschine raus und ratterte was das Zeug hält. 3 Cardigans, ein Pulli und eine Regenjacke. Ich habe den Balkon bepflanzt, war im Tessin klettern und in der Westschweiz wandern, ohne einmal das Gefühl zu haben, ich müsste schnell schauen, liken oder posten. Ich hatte plötzlich wieder viel mehr Zeit. Und ich habe zwei Kinder, die mich ernst nehmen, wenn es heisst: Ende der Bildschirmzeit. 

Eigentlich finde ich die Grundidee von Instagram nach wie vor toll. Den einfachen Austausch, mit einem Bild und einem kurzen Text. Man findet tolle Inspirationen dort. Aber auch viel Oberflächliches. Und so frage ich mich, will ich mich von so viel Werbung berieseln lassen? Will ich, dass App-Betreiber meine Daten für ihre Zwecke nutzen? Will ich mich weiterhin in diesem undurchsichtigen Dschungel an Datenverarbeitung aufhalten? Mein Bauch sagt klar nein. Was beim Konsum von Alltagsgütern längst klar ist, hat beim Konsum von digitalen Medien etwas länger gedauert. Aber gottlob haben wir immer die Wahl selber zu entscheiden, was, wo  und wieviel wir konsumieren wollen. Falls es also eine alternative UND werbefreie Plattform gibt, bei der der Austausch so easy stattfinden kann wie bei Instagram, her damit. :-)

* * * * * * * 

Liebe Grüsse Paula




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4 Liebe Worte

  1. Ui, liebe Paula, das ist ja schon ziemlich heftig, das mit dem digitalen Elternabend! Auch wenn alles natürlich richtig und wichtig ist, aber das Wort Schutzmassnahmen kann ich schon gar nicht mehr hören!
    Mit Insta ging es mir ja ganz ähnlich wie dir. Bei Feissbuck war ich nie. Nach der Löschung des Kontos hatte ich auch leichte Entzugserscheinungen und ab und zu schaue ich noch immer über Herr Mo's Account rein. Aber meistens vermisse ich überhaupt nichts und habe wie du plötzlich viel mehr Zeit für anderes.
    Ich warte auch darauf, dass sich irgendwann wieder etwas ähnliches wie das ursprüngliche Insta entwickelt. Das wäre schön...
    Liebe Grüsse, Monika

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  2. Ich bin nicht auf Facebook und habe kein Insta. Ich will mir dafür keine Zeit nehmen. Seit Sonntag habe ich meine Handyzeit aufc2h beschränkt. Hört sich nach viel an, ist aber schnell vorbei. Ich denke darüber nach, mich noch mehr zu beschränken. Und mein Blog. Der bleibt. Das mag ich.
    Bei wazz will ich raus, habe aber Freunde - wirklichrme Freunde - die nicht mitwechseln. Da suche ich noch eine Lösung
    Herzlichst
    yase

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    1. Ich habe kein Whatts-app mehr. Die meisten meiner Freunde sind mittlerweile bei Signal oder Threema. Allen andern schreibe ich via SMS :-)

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  3. Unterschreibe ich voll. Da wär dann noch telegram, wo ich mich aber aus unerfindlichen gründen nicht anmelden kann, wohl weil facebook, google nicht wollen. aber komisch ist das schon ...

    LG

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Herzlichen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast, ein paar liebe Worte da zu lassen.

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