Tell a Story #2 - Meine Strasse

Heute erzähle ich euch wie versprochen von "Meiner Strasse" und schicke diesen Beitrag anschliessend zu "Tell a Story" von Frühstück bei Emma. Beim aktuellen Thema fiel mir spontan die Strasse ein, in der ich aufgewachsen bin.
 
Meine Strasse - Die Schweizerhausstrasse
 
Als Älteste von 4 Kindern bin ich in einem über 200 Jahre alten Haus an der Schweizerhausstrasse aufgewachsen. Im Winkelhaus. Später kamen in diesem Haus noch 3 Brüder, 2 Cousinen und 4 Cousins dazu. Nebenan wohnten meine Grosseltern mit einem Knecht und meinen jüngsten Tanten und Onkeln, welche eher wie Geschwister für mich waren. Kein Wunder, mein Vater war der zweitälteste von 12 Kindern, die jüngste Tante nur sieben Jahre älter als ich. Umgeben von Landwirtschaftsland und dem Bauernbetrieb meines Grossvaters, bot sich mir eine schier unendliche Fläche an Entdeckungsmöglichkeiten. Da der Bauernbetrieb von meinem Vater und seinem Bruder bewirtschaftet wurde, verbrachte ich viel Zeit im Stall und auf der Alp.
 
Im Hause meiner Grosseltern betrieb meine Grossmutter damals noch ein kleines Lädeli mit Dingen des täglichen Gebrauchs. Aber gegen Ende der 70er Jahre musste sie ihren kleinen Laden schliessen, weil sie mit den Preisen der Grossverteiler nicht konkurrenzieren konnte. Oft bezahlte sie im Einkauf für die Lebensmittel und Haushaltreiniger mehr Geld, als die Grossverteiler es wieder verkauften.
 
Auf dem Weg zur Viehschau 1979
 
Am Ende der Schweizerhausstrasse gibt es ein Restaurant. Das hatte für uns Kinder viele Vor- und Nachtteile. Von Vorteil waren an sonnigen Wochenenden die vielen Spaziergänger, denen wir an der Strasse irgend etwas selbst gemachtes verkaufen konnten oder unseren Stofftier- und Kinderzoo (wir Kinder waren die Tiere) vorführen konnten. Von Nachtteil waren die Autos, wenn wir unsere Spiele wie Fussball, Federball, Fangen spielen, Kreide malen usw. unterbrechen mussten, weil wir oft auf der Strasse spielten. Einmal haben wir eine Schnur quer über die Strasse gespannt und Strassenzoll gespielt. Das kam leider nicht bei allen Autofahrern so gut an! :-)
 
Als 1jährige bereit unsere Strasse zu erbobern :-)
 
Als wir grösser wurden und zur Schule gingen, lernten wir auch die Nachbarn der Schweizerhausstrasse besser kennen. Viele von ihnen waren schon alt. In meiner Erinnerung jedenfalls. Aber als sieben oder achtjähriges Kind empfindet man Personen über 40 Jahre ja bereits alt. So gesehen gehöre ich auch schon zu den Alten. Grins* Wir Winkelkinder haben die Nachbarn manchmal besucht. Ich erinnere mich, wie wir dann bei denen in der Stube gesessen haben und mit ihnen geplaudert haben. Einfach so. Einfach mal vorbei schauen. Wenn wir Glück hatten gab es ein Schoggistängeli oder ein feines Guetzli.
 
Bald kannten wir auch die Stimmungen und Mödeli der Nachbarn. Die einen eher auf Abstand, die andern immer zu einem Schwatz bereit. Die einen lustig, die andern undurchschaubar und grimmig. Manchmal haben wir den Nachbarn für einen Batzen das Fahrrad geputzt oder die Zeitungen entsorgt. Eine Episode blieb mir besonders im Gedächtnis. Ich war mit meiner Cousine auf dem Weg in die Schule. Es schneite grosse Flocken und wir waren schon sehr spät dran. Da hatte ich die Glorreiche Idee bei einer Nachbarin zu klingeln und zu fragen, ob sie uns denn vielleicht mit dem Auto ins Dorf fahren könnte. Ich weiss gar nicht mehr, ob besagte Frau überhaupt den Führerschein hat. Aber ich erinnere mich genau wie sie in einen weissen Frotteemantel gehüllt aus dem Fenster schaute und schimpfte was uns eigentlich einfalle. :-) Ups!
 
Ein anderes prägendes Erlebnis hatte ich mit einer Nachbarin die behindert ist. Sie wirkte auf mich immer etwas beängstigend. Ich konnte  ihr Verhalten nicht einordnen und begegnete ihr immer sehr mit Abstand. Einmal hat mein Vater das Gras auf dem Grundstück ihrer Eltern gemäht. Sie freute sich sehr über unseren Besuch und hob mich auf ihren Arm. Sie lachte und drehte sich im Kreis. ICH habe die totale Panik bekommen! Jetzt, viele Jahre später, muss ich darüber schmunzeln. Heute freue ich mich wenn ich sie sehe. Sie wohnt selber nicht mehr hier, aber lacht noch genauso froh wie früher und kennt uns alle noch mit Namen.
 
Ich selber wohne auch nicht mehr an der Schweizerhausstrasse, aber nicht weit davon entfernt. Einige Nachbarn wohnen immer noch dort. Andere sind gestorben oder weggezogen. Aber wenn ich an "meine Strasse" denke, kommen mir viele schöne Erinnerungen. 
 
 Liebe Grüsse Paula
 
 
http://fruehstueckbeiemma.com/tag/tell-a-story/

Kommentare

  1. Liebe Paula,
    das hat Spaß gemacht zu lesen und einige Erinnerungen geweckt. Wir haben früher auch oft auf der Strasse gespielt. Nach den Schulaufgaben ging es raus...irgendjemand war immer da und Spielpartner schnell gefunden. Meistens haben sowieso alle Kinder der Strasse gemeinsam gespielt. Das ist heute leider nicht mehr möglich....
    Viele liebe Grüße, Anke

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Paula,
    danke für die Einblicke in deine Kindheit und die Bewohner der Straße:)
    Ich verbrachte auch viel Zeit draußen mit den Nachbarskindern.
    Wir fuhren z.B. die Meerschweinchen im Puppenwagen spazieren oder es gab einen älteren Nachbarn,der reparierte Regenschirme und da bekam ich immer eine Nougatstange geschenkt.
    Ganz liebe Dienstagsgrüße von
    Kristin

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Paula,
    das war bestimmt eine tolle Kindheit mit so vielen Geschwistern und Cousins.
    Da hatte man immer Spielgefährten.
    Davon kann ich als Einzelkind nur träumen...
    Danke für die schönen Einblicke und liebe Grüße
    Nicole
    Freue mich, dass Du beim Wichteln mitmachst und habe auch noch einen 2. Wichtel aus der Schweiz...

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Paula,
    ich finde Deinen Post wirklich richtig schön. Danke das Du uns an diesen tollen Erinnerungen teilhaben lässt. Bei mir war es ähnlich...mit 5 älteren Geschwistern in einer Strasse, wo sich jeder kannte. Einfach nur schön.
    Ich schaue mich jetzt noch ein wenig bei Dir um, aber komme bestimmt wieder
    Liebe Grüße
    Bettina

    AntwortenLöschen
  5. Oh, eine Straße der Erinnerung! Das ist ja noch eine ganz andere Geschichte. Und die erinnert mich durchaus an die meiner Kindheit auf dem Dorf. Da gab es nämlich auch solche unterschiedlichen Charaktere und man konnte zu jedem hingehen und bekam nen Apfel oder ein Gutsele. Nur bin ich dann weit weggezogen ( nicht freiwillig ). Aber heute bin ich "ze Hus", wo ich lebe.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  6. liebe paula, jetzt hätte ich es doch fast vergessen, meinen senf bei dir abzugeben :-/
    dabei hat mich deine schöne strassengeschichte sehr berührt. mir ist beim lesen der verschiedenen posts zu diesem thema wieder einmal bewusst geworden, wie verschieden und wie prägend es doch ist, ob man in einer strasse mitten im dorf oder irgendwo 'im gjätt' aufwächst.
    danke für deine geschichte!
    ♥ monika

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Paula, was für eine schöne Geschichte... (ich bin gerade so selig über diese tollen Geschichten...darf man das überhaupt sagen, ich finde diese Blogserie jetzt schon so toll) .

    Wow habe ich gedacht beim Lesen. So eine Straße mit vielen Erinnerungen. Das mit dem Straßenzoll habe ich auch mal mit Freundinnen im Schwarzwald probiert... was soll ich sagen.. fand überhaupt niemand gut... haben wir ziemlich schnell gemerkt und sein lassen... oh oh da kommen jetzt auch Erinnerungen hoch.

    Und das mit der behinderten Nachbarin. Da habe ich auch eine Erinnerung. Meine Grundschullehrerin war mit einem Lehrer verheiratet, der in einer Behindertenschule unterrichtete. Ich bin mir gar nicht sicher, ob man das heute noch so sagen darf? Also wie auch immer - diese Lehrerin hat uns oft mitgenommen zu der Schule ihres Mannes (waren nur 5 min) um in der großen Pause mit ihnen zu spielen. Das war in den 70rn gar nicht so üblich und ich fand die erste Begegnung sehr beeindruckend und im Laufe dieser 4 Grundschuljahre sind daraus richtige Beziehungen entstanden. Freunde wäre zuviel gesagt, denn man sah sich dann doch zu selten. Man kannte sich aber beim Namen, man spielte miteinander und es wurde für uns das normalste der Welt, behinderte Spielkameraden zu haben. Berührungsängste wurden immer weniger und zwar sehr sehr schnell und ich bin über diese Begegnungen heute noch sehr dankbar. Schule fürs Leben. liebst emma

    AntwortenLöschen
  8. Das ist eine sehr schöne Geschichte.
    Sogar in die Vergangenheit wurden wir entführt 1
    Tja, damals konnte man als kleines Menschlein noch mitten auf der Fahrbahn stehen, ohne von Autos überrollt zu werden.
    Heutzutage ist das fast nicht mehr möglich.
    Eine feine Beschreibung "deiner Straße "
    Noch einen gemütlichen Feierabend wünsche ich dir

    AntwortenLöschen
  9. Obwohl ich nun schon etliche sTraßen-Beiträge gelesen habe fällt mir erst jetzt was auf: Ich habe nicht DIE Straße, so wie du. Ich bin bald 40 und habe witziger Weise in jedem Jahrzehnt in einer anderen Sraße gelebt. Wenn man öfer wechselt, dann ist die Bindung nicht so groß... aber in meienr jetzigen Straße bleib ich länger. Brrr.. die 10 Jahre sind voll - ich mag nciht umziehen :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich lebe mit 45 in der 6. Strasse, habe aber nur eine Strasse die ich als meine bezeichne :-)

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Herzlichen Dank fürs Reinschauen!