Kurz.ge.schich.te N°5 {Vergangenheit}

Januar 07, 2019


Heute erfährt in meiner Kurzgeschichte ein bisschen etwas aus meiner Kindheit.
Viel Spass beim Lesen.


Anno dazumal
Ich liege auf dem Sofa, eingekuschelt in eine Fleecedecke, genieße die Wärme und hänge meinen Gedanken nach. Ich denke an das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Es war aus Holz und stammte aus dem 17. Jahrhundert. Die Fassade war geschindelt und, wie ein paar defekte Stellen verrieten, lediglich mit Zeitungen isoliert. Im Winter wurde vor die Fenster ein Vorfenster angebracht. Dennoch waren die Scheiben im Winter manchmal mit Eisblumen überzogen. Als ich das erste Mal zusah, wie meine Mutter Wolldecken vor die dünnen Glasscheiben hängte, fragte ich: „Was machst du da?“ „Die verdammte Kälte. Ich versuche sie irgendwie fern zu halten.“ Soweit ich mich erinnere, hat mich die Kälte selber nie gestört, außer im Badezimmer. Dieses befand sich außerhalb der Wohnung, einen halben Stock tiefer. Der Eingang lag ebenerdig zum Hauseingang, dessen Tür bei Winterstürmen oft aufgeweht wurde. Der Schnee fand mühelos seinen Weg ins Hausinnere. Nicht selten lag am Morgen vor der Badezimmertür eine Wechte aus Schnee.
Das Bad bestand aus Dusche, Toilette und Waschbecken. An der Wand war ein Heizstrahler befestigt, den wir anstellen durften, wenn wir duschten. Ansonsten war in diesem kleinen Raum im Winter keine Spur von Behaglichkeit. Und wenn man Pech hatte, war der Boiler leer, weil vor einem bereits jemand geduscht hatte oder zeitgleich in der Küche abgewaschen wurde. Dann war nicht nur der Raum, sondern auch das Wasser, eisig kalt. Zu dumm, wenn die Haare gerade eingeseift, aber noch nicht ausgespült waren. Dann hieß es Augen zu und durch. Das kalte Wasser fühlte sich an wie spitze Nadeln, das Hirn schien auf der Stelle zu gefrieren. Ein Garant, dass man nicht lange herumtrödelte. 

Vom Treppenhaus führten Stufen in den Keller. Daran habe ich keine guten Erinnerungen. Er war verwinkelt, feucht und dunkel. Ich entsinne mich an den modrigen Geruch. Im hintersten Raum stand eine Tiefkühltruhe. Wenn ich für meine Mutter etwas aus der Truhe holen musste, überkam mich jedes Mal ein mulmiges Gefühl. Ich fand es unheimlich dort unten und hatte immer den Eindruck, ich werde verfolgt.
Im vorderen Teil des Kellers standen auf einem betonierten Sockel Waschmaschine und Trockner. Dieser Teil stand oft im Wasser, weil wieder irgendwo eine Leitung verstopft war. Aber so richtig verantwortlich, diesen Missstand zu beheben, fühlte sich niemand.

Unsere Wohnung befand sich im ersten Stock. Im Flur befanden sich Hängegarderoben, Schuhschränke und ein grosses Regal aus Brettern. Die Gestelle und Regale waren, wie alle anderen in der Wohnung, mit Vorhängen ausgestattet, um vor neugierigen Blicken und Staub zu schützen. Auf einem dieser Regale befand sich unser Telefon mit Wählscheibe. Ich glaube, es war orange. Die Hörmuschel war mit einer gekringelten Schnur mit dem Apparat verbunden, dessen Kabel an die Steckdose zur Wand führte. Wie sich in späteren Jahren herausstellte, reichte die Länge des Kabels genau bis in mein Zimmer. Was für ein Glück, als ich im Teenager Alter ungestört telefonieren wollte.

Wenn ich an die Küche denke, fallen mir allerlei Dinge ein, vor allem der rot-blau karierte Linoleum Boden. Aber auch der alte Feuerherd, sowie ein freistehender Kochherd und ein Kühlschrank. Auch in diesem Raum gab es ein Regal, welches mit einem Vorhang versehen war. Abgewaschen wurde in einem Trog aus hellbeigem Steingut, wir nannten ihn „Schüttstein“. Er hatte seine besten Jahre hinter sich und wies überall Kerben und Löcher auf. In der Mitte des Raumes standen ein ausziehbarer Tisch und Stühle, allesamt mit silbernen Mettalbeinen, wie es damals Mode war. Dampfabzug gab es zu dieser Zeit noch keinen. Umso mühsamer war es das Fett von der Decke und den davorstehenden Fenstern wieder wegzukriegen.
Im Winter wurde zur Essenszeit oft der Fernseher vom Wohnzimmer in die Küche gestellt, auf irgend ein wackeliges Brett, um die Rennen der Schweizer Skihelden zu schauen. Kein Aufwand war zu groß und kein Kabelsalat zu mühsam, Hauptsache meine Eltern verpassten keines der Skirennen. Es wurde mitgefeiert und mit gefiebert. Aber nicht nur bei uns, in vermutlich jedem Schweizer Haushalt herrschte das gleiche Bild. Essen war Nebensache und von uns Kindern wurde absolute Ruhe erwartet, wenn Skistars wie Russi und Collombin ihr Talent auf den langen schmalen Brettern zum Besten gaben und um Sekunden kämpften. Nach dem Essen wurde die ganze Gerätschaft, inklusive Kabel, wieder zurückverlegt.

Im Wohnzimmer befand sich ein grosser Elektrospeicherofen, der den Raum zwar etwas zu wärmen vermochte und im Winter unsere nassen Skikleider trocknete, aber im Gegenzug die Stromrechnung in horrende Höhen trieb. Auch in den Schlafzimmern gab es Elektroöfen, nicht aber im Flur und in der Küche. Man kann sich vorstellen, wie kalt diese Räume ohne Heizung waren. Mein Bruder erinnert sich gar, dass er morgens einmal Schneesterne auf der Bettdecke hatte.

Im Flur stand ein Aquarium mit Fischen, welches mein Bruder geschenkt bekommen hatte. Die armen Fische fielen einer dieser kalten Nächte zum Opfer. Kein schöner Anblick, als sie morgens alle obenauf schwammen.  

Das Aussehen des Wohnzimmers ist immer noch real vor meinem inneren Auge, vor allem die mint gestrichenen Holzwände und die roten Nachtvorhänge. Die Fenster waren geziert mit spitzen Volants, die mit einem Band nach hinten drapiert waren. Im Sommer blühten nicht etwa Geranien auf dem Fensterbrett, so wie bei den meisten Bauernhäusern, sondern Fleißige Lieschen.
 In der einen Ecke des Wohnzimmers stand ein dunkles Holzbuffet, dass genauso viele Jahre auf dem Buckel hatte, wie das Haus in dem es stand. Ins Holz eingelassene Zahlen verrieten sein Alter. Das Sofa, vor dem ein Salontisch stand, trug stets einen Stoffüberwurf. In der Ecke zwischen zwei Fenstern, stand ein schwarzer eiserner Pflanzenständer, an dem verschiedene Ebenen befestigt waren. Meist blühten darauf Kakteen und Weihnachtssterne. Oder Kletterpflanzen suchten sich ihren Weg und verwandelten den Ständer in einen kleinen Dschungel. Heute würde man diesen Anblick Urban Jungle nennen und solche Blumenständer würden auf dem Flohmarkt bestimmt einen Abnehmer finden.
Auch in diesem Raum standen ein Esstisch und Stühle. Aber im Gegensatz zur Küche waren diese Möbel aus Holz und wurden nur zu feierlichen Anlässen wie Weihnachten oder Geburtstagen benutzt, genau so wie das geblümte Langenthaler Porzellangeschirr und das Silberbesteck, welches sich im angrenzenden Schrank befand. Sonntagsgeschirr hieß die edle Sammlung. Neben dem Schrank mit dem schönen Geschirr führte eine Tür zur „Chamer“, dem Schlafzimmer meiner Eltern und gleich daneben waren in sicherer Höhe vor Kinderhänden, zwei Bretter an der Wand montiert, auf denen ein Plattenspieler und der schwere Röhrenbildschirm ihren Platz fanden.
Im Wohnzimmer wurde gespielt, gefeiert und Filme geschaut. An Weihnachten stand jeweils ein deckenhoher Christbaum aus dem nahe gelegenen Wald neben dem Sofa. Der Baum hatte stets echte Kerzen, trotz der Brandgefahr. Kugeln aus Glas, Anhänger aus Schokolade und Engelshaar zierten ihn. Darunter stand die Krippe aus Holz und handgeschnitzte Figuren, gefertigt von Künstlern aus unserem Dorf.
Zu Beginn der Ehe meiner Eltern standen die Möbel im Wohnzimmer auf dem alten Parkettboden. Da vom Keller her jegliche Isolation fehlte, war der Boden im Winter unangenehm kalt. Die Wärme machte sich nicht nur über die Wände und Fenster aus dem Staub, auch der Holzboden vermochte sie nicht zu halten. Darum liessen meine Eltern später einen Spannteppich in angesagtem 70er Jahre Look verlegen, mit einem gelb braunen Blumenmuster. Man stelle sich diese Kombination vor: Mintfarbende Wände, rote Vorhänge und ein gelb brauner Teppich. Dazu ein grün gemusterter Sofaüberwurf und vom Plattenspieler war vielleicht Musik von Boney M., Roy Black oder den Beatles zu vernehmen. 

Mein Zimmer, ich teilte es mit einem meiner vier Brüder, lag auf der Nord-Ostseite. Der Raum war aus dunklem Holz und hatte zu zwei Seiten Fenster. Manchmal hörte man hinter den Holzwänden die Mäuse herum rennen. Angst hatte ich vor den kleinen Hausbewohnern keine, aber das Geräusch der kleinen Füsse, wenn sie übers Holz kratzten, hat mich beim Einschlafen manchmal fast zum Wahnsinn getrieben. Die Rahmen der Fenster, die ihre besten Jahre ebenfalls hinter sich hatten, klemmten oft beim Auf- und Zumachen. Irgendwann, als ein Fenster zwar auf, aber nicht mehr zugehen wollte, überkam mich die glorreiche Idee, mit dem Fuß gegen den Rahmen zu schlagen. Leider stieß mein Bein ein wenig zu hoch Richtung Fenster und knallte direkt in die Scheibe. Das Glas zerbrach und an meiner Wade klaffte ein blutiges Loch. Meine Mutter war nicht zu Hause und ich machte mir Sorgen, von der zerbrochenen Scheibe zu beichten. Die Wunde am Bein habe ich mit keinem Wort erwähnt. Ich wusste, dass das Geld sonst schon vorne und hinten nicht reicht, da wollte ich sie nicht zusätzlich mit Ärger belasten. Ich habe den Schnitt auf eigene Faust verbunden  und erst viele Jahre später davon erzählt. Zu peinlich war mir der Hergang des zerbrochenen Fensters.

Heute erinnert lediglich eine Narbe an das Missgeschick vor über dreissig Jahren. Ich streiche mit dem Finger über die unebene Haut, als mich das Klingeln des Handys aus meinen Gedanken reißt.
Hätte mir vor 35 Jahren jemand gesagt, dass ich einmal schnurlos telefonieren, in einem weltweit offenen Netz eine Art Tagebuch schreiben und virtuell Nachrichten verschicken werde, hätte ich diesen jemand wohl für verrückt erklärt. Genauso verrückt erscheint es meinen Kindern, wenn ich erzähle, wie wir damals gelebt haben.

* * * * * *

Nun bin ich gespannt, ob sonst noch jemand eine Geschichte zum Thema Vergangenheit schreibt. Falls ihr den Text nicht verlinken könnt, schreibt mir einfach einen Kommentar.

Liebe Grüsse Paula


Inlinkz Link Party

You Might Also Like

3 Liebe Worte

  1. Liebe Paula, lustig; als du letztes Jahr ein paar Geschichten aus deiner Kindheit erzählt hast, dachte ich, welchen Unterschied es doch macht, ob man im Dorf aufwächst oder auf einem Bergbauernhof und ob man ein paar Jahre früher oder später geboren wurde. Aber heute beim Lesen der Geschichte aus deiner Vergangenheit habe ich mich immer wieder beim Nicken und Schmunzeln ertappt. So vieles kam mir bekannt vor! Nur hatten wir natürlich keinen Tisch mit so modernen Beinen und die Telefonleitung mussten wir mit den Nachbarn teilen. Ich denke, die haben ein paar Mal geflucht als ich in der Pubertät war ;-)Danke für deine schöne Geschichte!
    Meine Geschichte zum Thema kannst du, wenn du magst, gerne wieder verlinken.
    ♥ Monika

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja es war ziemlich altertümlich bei uns bis auf die Einrichtung teilweise. Aber wir haben es überlebt. Meine Mutter meinte zwar immer wir hätten mit 20 alle Gicht wegen der Feuchte im Keller ;-)

      Löschen
  2. Liebe Paula,
    du hast es so gut geschrieben,daß ich vor meinem geistigen Auge sehen konnte,wie es damals bei dir ausgeschaut hat!
    Wahnsinn,wieviele Details du dir gemerkt hast!
    So einen Warmwasserboiler hatten wir auch im Badezimmer und am Sonntag war immer Badetag.
    Das mit deiner Wade war natürlich nicht so prickelnd,doch es scheint ja alles gut verheilt zu sein :)
    Das sind alles tolle Erinnerungen und gut daß du sie nun aufgeschrieben hast!
    Sei ganz lieb gegrüßt von
    Kristin

    AntwortenLöschen

Herzlichen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast, ein paar liebe Worte da zu lassen.

Kontaktformular

Name

E-Mail *

Nachricht *

Freunde und Leser

LeserInnen bei Bloglovin

Follow on Bloglovin