Kurz.ge.schich.te No°38 {Der Klang der Freundschaften}

by - August 04, 2020

Liebe Blogleser*Innen

Während ich am Laptop diesen Beitrag schreibe, regnet es draussen in Strömen. Die Bergspitzen, oberhalb 2200 über Meer, sind gar mit Schnee bedeckt. Ideales Wetter also zum Lesen und Schreiben. Vor kurzem habe ich euch mein neues Schreibbuch gezeigt. Es füllt sich nach und nach. Heute teile ich die erste Geschichte mit euch. Der Text zum Thema Freundschaften hat etwas geharzt. Im Tagebuch flossen die Worte dahin, aber für den Blog waren sie mir dann doch zu persönlich. So habe ich über die Freundschaften sinniert, mich gefragt, was eine Freundschaft ausmacht und welche Gefühle andere Menschen in mir auslösen.  Das ist dabei herausgekommen ...



Der Klang der Freundschaften

Ich streiche über das Display meines Handys und lese scrollend die Namen in meiner Kontaktliste. Ein Sammelsurium an Privaten und geschäftlichen Einträgen. Freunde, Verwandte, Geschäftspartner, Eltern von Klassenkameraden unserer Kinder, alte Vereinskolleginnen, Bekannte und Unbekannte, Arbeitskolleginnen, Ärzte und viele mehr. Die alphabetisch sortierten Namen lösen unterschiedliche Emotionen aus. Eine Handvoll streicht wie die Bogen von Saiteninstrumenten über meine Seele und hinterlässt eine wohlige Schwingung. Sie hallen liebevoll durch meinen Körper. Freundschaften, kostbar wie Streichinstrumente, harmonieren manchmal vom ersten Augenblick an. Bei anderen reißen die Saiten nach einer Lebensphase aus und niemand fühlt sich verpflichtet, den Schaden zu reparieren. Mein Orchester hat sich über die Jahre stetig verfeinert. Heitere und Klangvolle Verbindungen sind den Scharfen gewichen. Manche Menschen begleiten mich bereits viele Jahre und unterstützen mit ihren harmonischen Melodien mein Leben. Andere bringen hell und sanftmütig mein Summen zum Vibrieren. Beseelt spielen wir dieselben Hymnen. Eine Handvoll Musikantinnen trifft meinen Rhythmus formvollendet. Egal welche Saiten wir gemeinsam anspielen, das Repertoire reicht von leise bis stimmungsvoll. Sie lassen meine Seele tanzen und geben meinem Dasein einen ausdrucksvollen Anstrich.

Als mir das Leben vor zwei Jahren ein schicksalhaftes Ereignis servierte und der Schmerz wie eine schwermütige Ballade über meiner Seele schwang, erreichte mich die liebevolle Tonfolge einer langjährigen Freundin. Wir lernten uns als junge Erwachsene kennen. Damals tanzten wir gemeinsam durchs Leben. Unbeschwert und lebensfroh. Wir unternahmen Wanderungen oder tauschten uns in kreativen Aktivitäten aus. Erkundeten die Natur, bestaunten Landschaften und Alpenblumen. Wir schlugen dieselben Saiten an. Kein Weg zu weit, kein Tag zu lang, mit ihr vergingen die Stunden stets im Flug.

Einige Jahre später heiratete sie und bekam ihr erstes Kind. Ich frönte weiterhin meinem Singledasein und lernte neue Weggefährten und Musikantinnen kennen. Die Jahre verstrichen, die Kontakte mit meiner Freundin wurden seltener. Ihre Kinder besuchten längst die Schule, als ich selbst eine Familie gründete. Der Alltag verging wie im Flug, hatte uns alle fest im Griff. Die Begegnungen blieben rar. Nichtsdestotrotz war unsre Freude immens, wenn wir uns zufällig über den Weg liefen. Ihre Anwesenheit, ihr sonniges Gemüt, brachten meine Seele, auch nach all den Jahren zum Klingen. Erschwerte Lebensumstände beliessen den Kontakt aber auf ein Minimum beschränkt.

Vor drei Jahren erfuhr ich verspätet vom Tod ihrer Mutter. Trotz Erfahrung mit Todesfällen war ich wie gelähmt und brachte nicht mehr als eine mitfühlende SMS zustande. Ich hatte das Bedürfnis, ihr Trost zu spenden. Aber ich fand keine Worte. Die Monate zogen kontaktlos weiter. Ich schämte mich für die stumme Anteilnahme. 
Im Jahr darauf verstarb unverhofft meine eigene Mutter. Wenige Tage später stand die Freundin mit einer Kerze vor der Tür, um mir Trost zu spenden. Ich lag entkräftet von der Trauer und einer fiesen Grippe im Bett, außerstande, sie zu begrüßen. Sie war gekommen, obschon ich selbst diesen Mut nie aufgebracht hatte, während sie durch diese dunklen Tage, Wochen und Monate gegangen war. Scham und Dankbarkeit durchströmten meinen Körper gleichenteils. Still und leise brachte sie mein trauriges Herz wieder zum Summen. Bei der Trauerfeier umarmte sie mich am Grab. Unsere Seelen vibrierten im Gleichklang. Es brauchte keine Worte.
In den Monaten darauf spazierten wir manchmal gemeinsam durch den Wald. Das gegenseitige Verständnis für ein gleichsam trauriges Erlebnis, half den Verlust auszuhalten. Die alte Vertrautheit schwang wieder im selben Rhythmus, sanftmütig und liebevoll. Wir spielten unsere Klänge dort weiter, wo wir vor Jahren pausiert hatten. 

Ich fühle mich gesegnet, neben dieser Seelenfreundin eine Handvoll andere Gefährtinnen zu haben, über die es ähnliche und bereichernde Geschichten zu erzählen gäbe. Der Klang der Freundschaften, er macht meine Tage heller und farbiger. Sie alle lassen meine Seele tanzen, mit ihren ausdrucksvollen und klangvollen Melodien.

* * * * *

Ich wünsche euch eine schöne Woche und viele klangvolle Begegnungen. ;-)

Liebe Grüsse Paula

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4 Liebe Worte

  1. Liebe Paula
    Deine Worte haben mich sehr berührt und hat mich an meine Freundschaften erinnert.

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  2. Wow, sehr schön. Als ich Costa Rica Reisen gemacht habe, hab ich ebenfalls Kurzgeschichten geschrieben. Einfach ein tolles Gefühl :)

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  3. Was für eine ergreifende und zugleich schöne Geschichte. Ja, es gibt solche Freunde beziehungsweise Seelenverwandten. Freue Dich über diese Kostbarkeit.

    Bleib gesund und munter.
    Spätsommerliche Grüße von Heidrun

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Herzlichen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast, ein paar liebe Worte da zu lassen.