Kurz.ge.schich.te No°18 {traurig}

By Paulas Haus - April 08, 2019


Hey ihr Lieben. Heute heisst mein Stichwort TRAURIG. Ich schreibe nicht über Trauer, sondern über ein anderes Thema, dass mich unendlich traurig macht. 



Traurig

Ich bin ein 70er Kind, gross geworden mit der Industrialisierung, in einer Zeit, als Büchsenspeisen und Tupperware ihre Glanzjahre feierten. Meine Grossmutter, geprägt vom zweiten Weltkrieg, lebte derweil sparsam und umweltschonend. Plastiksäckli wurden ausgewaschen, zum Trocknen aufgehängt und wieder verwendet. Die Kaffeemaschine wurde nach jedem Gebrauch gründlich gereinigt und unter einer Stoffhaube versorgt. Kleider hat sie geflickt, Abtrocktücher benützt, bis sie dünn wie Zeitungen waren. Und Jogurt Becher hat sie ausgewaschen und zum Entsorgen ineinander gestapelt. Während wir noch alles in eine Abfalltüte gesteckt haben, hat sie alles fein säuberlich getrennt und zum Einkaufen eine Stofftüte mitgenommen.
Die Jahre zogen vorbei, ich wurde Erwachsen, bereit die Welt zu entdeckten. Jedes Jahr verbrachte ich irgendwo Badeferien oder eine Städtereise. Eine grössere Reise führte in die USA nach Los Angeles, weiter nach Alaska und via Kanada zurück in die Schweiz. Alles mit dem Flieger versteht sich. Irgendwann kaufte ich mir sogar ein Motorrad und erkundete damit einige Jahre den ganzen Schweizer Alpenraum. Kein Alpenpass, den ich nicht überquert habe.

Mitte Dreissig habe ich geheiratet und meine Kinder bekommen. Von da an reisten wir mit dem Auto auf die verschiedensten Campingplätze im In- und Ausland. Geflogen sind wir mit den Kindern noch nie. Aber nicht aus Umweltgründen. Wir hatten lange Zeit von einem VW Camper geträumt und uns schliesslich einen geleistet. Wir haben ihn ausgebaut und seither viele schöne Momente damit erlebt.
Als wir im Frühjahr 2015 nach Korsika reisten, stelle ich erschrocken fest, wieviel Plastik im Mittelmeer schwimmt. Ich suchte im World Wide Web nach Informationen und wurde mir bewusst, welche verheerende Folgen unser Konsumverhalten auf die Umwelt hat. Ich dachte an all die Dinge, die ich in meinem bisherigen Leben zu Lasten der Erde konsumiert habe. An all die Produkte mit Palmöl, für dessen Gewinnung der Regenwald abgeholzt wird. Alle Einwegartikel wie Plastik und Alufolie, für welche Ressourcen bei der Herstellung und Entsorgung verbraucht werden. Kosmetikprodukte die Mikroplastik enthalten, welches später im Meer landet. All meine Reisen mit dem Flugzeug, Motorrad und dem VW Bus, die die Luft mit CO2 belasten.  An all die Früchte und Gemüse, die wir mittlerweile zu jeder Jahreszeit hier konsumieren können, wodurch die Menschen in Südspanien an Wasserknappheit leiden. An all die Früchte und Gemüse, die vollgespritzt werden mit Chemikalien. An die Firma Nestlé, die im grossen Stil Wasser in ohnehin trockenen Gegenden abpumpt, welches wiederum für teures Geld bei uns verkauft wird. An die Bewohner Asiens, die geplagt sind von verseuchtem Wasser, durch die Textil- und Pharmaindustrie, deren Produkte zu einem Grossteil von uns konsumiert werden. Mehr als 70% der Ressourcen für unsere Konsumgüter stammen aus dem Ausland und verursachen dort massive Schäden. Die Folge in den betroffenen Ländern sind einerseits Dürre, Wasserknappheit, Wasservergiftung, Hunger trotz Arbeit und Krankheiten, aber auch Stürme und grösseres Regenaufkommen.
Auch für uns bleiben die Auswirkungen des Klimawandels nicht ohne Folgen. Wetterextreme wie Stürme, vermehrte Gewitter, Hitzewellen, Trockenheit und Überschwemmungen. Gesundheitliche Probleme wie Vermehrung bakterieller Erreger (zum Beispiel Tigermücke), Herz- Kreislaufprobleme durch Hitze und Antibiotika Resistenzen. Zerstörte Ökosysteme wie Artensterben, vergiftete Böden und Gewässer. Wirtschaftliche Folgen wie Migration durch ökologisch bedingte Situationen (Landverlust, Wasserknappheit und Dürre in den betroffenen Ländern) und weniger Schneesichere Skigebiete bei uns.

Ohnmacht machte sich in mir breit. Ohnmacht über mein Unwissen und meinen bisherigen Lebensstil zu Lasten der Umwelt. So konnte es nicht weitergehen. Es musste sich etwas ändern. ICH musste etwas ändern. Aus dieser niederschmetternden Erkenntnis entstanden meine ersten nachhaltigen Alltagsgegenstände wie Einkaufsbeutel für Früchte und Gemüse, Frischhaltehüllen für Schüsseln, Glasflaschen mit Hüllen ect. und mein Label BiOeko, um künftig auf Einwegartikel zu verzichten und andere Menschen zu motivieren, ihren Lebensstil ebenso zu ändern. Ein bescheidener Beitrag wie ich finde. Geflogen bin ich seither nur einmal, mit Co2 Kompensation, obschon ich das eher als Greenwashing bezeichne. Aber das ist eine andere Geschichte. Ob ich mich darum als Grün bezeichne? Ein bisschen vielleicht? Ich denke allerdings, es liegt in Sachen Umweltschutz noch viel mehr drin. Aber ich habe mit Respekt den Mut von Greta Thunberg verfolgt, für unser Klima und die Umwelt zu streiken. Ihren Mut, die "Alten" darauf aufmerksam zu machen, was die letzten 30-40 Jahre zu Lasten der Umwelt schief gelaufen ist. Ich schliesse mich hier ein.
Ihre Streiks haben sich mittlerweile über ganz Deutschland und der Schweiz ausgebreitet. Hunderttausende Jugendliche gingen die letzten Wochen auf die Strasse um zu demonstrieren. Ich kann nicht alle Forderungen der Jugendlichen unterschreiben, aber ich bin mit ihnen einig: So kann es nicht weitergehen. Ich verfolgte das Geschehen der Streiks am Rande in den Medien und auf Facebook. Was sich dort an Kommentaren abspielt, ist einfach nur TRAURIG. Die abschätzenden, verachtenden und schönredenden Worde sind zum Haare raufen.

"Oh die Öko-Greta!"
"Dumme Kindsköpfe. Taugen kaum etwas."
"Schade dass die Jungen so verblöden und schuld sind leider die Eltern die sie so erzogen haben …. aber auch das kann man irgendwie schönreden. Oder die Lehrer oder Lehrmeister sind schuld."
"Alles nutzlose Verlierer!"
"Haltet die Klappe und geht zur Schule!"
"Das ist einfach nur peinlich. Geht doch irgendwo schnuppern und lernt etwas Vernünftiges."
"Kein Anstand diese Jungen."
"Alles nur Kiffer und Veganer."
"Grosse Klappe, nichts dahinter."
"Demonstriert in Asien. Dort liegt das Problem."
"Impfgegner, Klimahysteriker, Weltverbesserer, Kinderschulfahrer, Vielflieger und Realitätsverweigerer retten unsere Welt."
"Keine Ahnung vom Leben, aber gross rummotzen!"
"Vielleicht wäre es wirklich besser, wenn man in den 3. Weltländern zuerst aufräumen würde."
"Schämt euch und hört auf mit der Angstmacherei."
"Ablenkung von echten Problemen."
"Jupie. Die Schüler retten die Welt. Ich denke ich streike morgen auch wegen irgendwas."

Ich bin keine Jugendliche, die auf die Strasse gegangen ist, um zu streiken. Aber all diese Kommentare haben mich persönlich getroffen, in meinem Bestreben, meinen Lebensstil zu Gunsten einer besseren Welt anzupassen. Die abwertenden Worte machen mich TRAURIG, weil sie Aufzeigen, wie ignorant gewisse Menschen sind.
Oder habe ich mir die zerstörten Ökosysteme etwa nur eingebildet? Bin ich es, die hier falsch gewickelt ist? Die farbenfrohe Öko-Mama, die meint, sie könnte mit ein paar selbst genähten Alltagsprodukten die Welt verbessern?
Oder haben gar die Greta-Kritiker Angst? Angst dass die jungen Leute vielleicht recht haben? Angst, sie müssten ihren Lebensstil ändern, zu dem mehrere Businessflüge pro Jahr gehören und mehrere Urlaube ans Ende der Welt? Haben sie Angst um ihr Gewissen, im Winter Spargeln, Erdbeeren und Tomaten zu essen?
Ich weiss es nicht. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Sie hat erst richtig angefangen. Ich versuche derweil weiterhin vorbildlich für meine Kinder Schritt für Schritt mit weniger Plastik zu leben, zu Fuss zu gehen, mich dem mit Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen und hoffe, es findet ein Umdenken statt.


Liebe Grüsse Paula


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5 Liebe Worte

  1. Hallo,
    bei uns in Deutschland wird seid den 90. Jahren der Müll getrennt und ich benutze schon ewig Stofftaschen zum einkaufen, selbst die Papiertüten für Brötchen werden öfters benutzt.
    Leider gibt es auch bei uns noch genug Leute die Plastiktüten einmal benutzen obwohl die Geld kosten, man könnte diese doch auch noch für den Restmüll nehmen. Auch trennen nicht alle ihren Müll.
    Ich finde das gut das die Schüler sich einsetzen, aber ob sie auch danach Leben steht auf einen anderen Blatt.

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  2. Wie in meiner Kindheit der Abfall entsorgt, bzw. verlocht wurde, darf ich ja heute kaum noch erzählen! Gut, es war sicher weniger als heute, aber Plastik galt als segensreich...
    Ich freue mich sehr über die junge Klimabewegung und staune, was sie innert so kurzer Zeit schon bewegt hat. Auch wenn da einige mitlaufen, die sich der Konzequenzen ihrer Forderungen nicht bewusst sind, so wird nun endlich wieder einmal darüber geredet, was die Menschheit mit dem Planeten erde macht.
    Danke dir für deine Geschichte und dein Engagement, liebe Paula!
    Herzlich, Monika

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  3. Liebe Paula,
    wir haben immer versucht unseren Söhnen vorzuleben sich umweltverträglich zu verhalten.
    Der jüngste Sohn ist 17 und ist zum Streiken 35 km weit gefahren, mit dem Zug. Ich bin stolz auf ihn und habe die Entschuldigung für die Schule unterschrieben.
    Viele Grüße Margot

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  4. Liebe Paula, eventuell ist es ein Trost für Dich, dass es immer derartige Ignoranten gibt. Aus eigener Erfahrung weiß ich es...

    ...ob "meine" Geschichte zu Deiner Aktion passt? Wenn ja, dann würde ich sie hier noch einfügen wollen.

    Frühlingsfrische Grüße von Heidrun

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    1. Liebe Heidrun
      Danke für deine Worte. Verlinke deine Geschichte doch, ich würde mich freuen :-)
      Liebe Grüsse
      Paula

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Herzlichen Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast, ein paar liebe Worte da zu lassen.